Alte Sprachen

Latein

Um einen ersten Einblick in die lateinische Sprache zu ermöglichen, findet jedes Jahr im Frühjahr mit Latein am Nachmittag (LaN) ein mehrwöchiger, jeweils einstündiger Schnupperkurs für interessierte Grundschüler/innen der Klasse 4 statt. Anfangsunterricht in Latein ermöglicht das Erlernen der europäischen Grundsprache und erleichtert das Erlernen weiterer Fremdsprachen (Französisch, Spanisch, Italienisch, Englisch). Das Lateinische ist mit Wortschatz, Formenlehre und Satzbau bis heute in der europäischen Geschichte, Kultur, Literatur und Philosophie sowie deren Lebensentwürfe, Werte und Haltungen werden vermittelt.

Das sorgfältige Erlernen der Sprache, das konzentrierte Übersetzen und, besonders in der 1. Fremdsprache Latein, die bewusste Verlangsamung des Lesevorgangs kann man als "Schule des Lesenlernens" durch die Methoden der Texterschließung und Textparaphrase bezeichnen. Das Übersetzen als bewusster Prozess, die Konstruktion eines Testsinns sind Vorgehensweisen, die sich von den modernen Fremdsprachen unterscheiden. Daher liegt darin auch eine besondere Förderung der muttersprachlichen Kompetenz. Der Gegenwartsbezug der antiken Texte ermöglicht die Förderung von Toleranz, Dialogfähigkeit, Empathie und das Darlegen des eigenen Standpunkts. In der systematischen und methodischen Interpretation antiker Texte, die im weiteren Verlauf den Lateinunterricht prägt, werden wichtige Grundlagen für die literarische Erziehung und den Genuss von Literatur gelegt. Die Freude am Lesen, am Übersetzen und den Inhalten der Texte, seien sie unterhaltsam oder mit Bezug zur Lebenswirklichkeit der Schüler/innen, ist die Motivation, Latein dann auch in der Oberstufe zu wählen.
Zur Veranschaulichung der römischen Lebenswelt finden u.a. Fahrten zum
Pompeianum (Aschaffenburg) und auch zum Limes statt. In Planung befindet sich gegenwärtig für die Lateinschüler/innen eine regelmäßige Exkursion nach Rom.

Das Latinum als Sprachenzertifikat ist Voraussetzung für Studiengänge, wie z.B. Jura und zahlreiche Natur- und Geisteswissenschaften. Es kann am Ende der E-Phase mit einer mindestens ausreichenden Note erworben werden. Schüler/innen, die Latein/Griechisch ab der Klasse 8 als dritte Fremdsprache belegen, erwerben das Latinum am Ende der Qualifikationsphase, ebenfalls ohne gesonderte Prüfung bei ausreichendem Erfolg.

Altgriechisch

Griechisch lernen zu können, ist ein ausschließliches Angebot der altsprachlichen Gymnasien bzw. der Gymnasien mit altsprachlichem Zweig und somit etwas Besonderes, das bei schon ausreichendem Erfolg auf dem Abiturzeugnis mit dem Prädikat „Graecum“ dokumentiert wird.

Griechische Antike und Moderne
Die Blütezeit der Griechen war das 5. Jh. v.Chr., und der Zeitraum, den wir in der Schule betrachten, ist etwa das 8.-4. Jh. v.Chr.; das ist rund 2500 Jahre her. Warum also eine Sprache lernen, die so alt ist? Warum eine Kultur erkunden, die zeitlich so weit von uns entfernt ist?
Weil das Griechische in uns drin ist: in unserer Sprache, in unserer Kultur, in unserem täglichen Leben; weil das Griechische unser Denken und unsere Werte mehr geprägt hat als alles andere. Wir lernen nicht nur unsere eigene Kultur genauer kennen, sondern beschäftigen uns auch aktiv mit ganz grundsätzlichen Fragen. Hier ein paar Beispiele dazu:

Die griechischen Mythen
Jeder kennt die Erzählungen vom Trojanischen Krieg, von Odysseus und seinen Irrfahrten, von Theseus und dem Minotauros, von Ariadne und dem roten Faden, von Herakles / Hercules, von den Olympischen Göttern und Titanen wie Prometheus, der den Menschen das Feuer bringt und dafür von Zeus ganz furchtbar bestraft wird. Auch Namen wie Medea, Antigone oder Oidipus sind uns ein Begriff.
Diese Mythen machen nicht nur Spaß: Durch Prometheus kommen wir ganz schnell auf eine Diskussion über die Möglichkeit und Gefahren des modernen technischen Fortschritts; wenn wir Homers Ilias – übrigens das älteste literarische Werk der westlichen Welt – lesen, diskutieren wir über die Bedeutung von Freundschaft und die fatalen Auswirkungen, die Streit und Zorn haben können. Und bei der Tragödie des Oidipus fragen wir, ob wir unser Schicksal selbst in der Hand haben, und damit auch, wie es mit Schuld und persönlicher Verantwortung für unser eigenes Handeln aussieht.

Naturwissenschaften vs. Mythos?
Die Entstehung und das Funktionieren der Welt mit Mythen zu erklären war den Griechen irgendwann zu wenig. Wir erleben hautnah an Originaltexten, wie sich Menschen auf die Suche nach neuen Erklärungen für den Ursprung der Welt machen und letztlich zu Erkenntnissen kommen, die wir uns gerne als Errungenschaften der Neuzeit auf die Fahne schreiben: dass die Welt eine Kugel ist, sich die Erde um die Sonne dreht, alles letztlich aus einzelnen Teilen, den Atomen, besteht etc. Innerhalb von 300 Jahren haben die Griechen die Naturwissenschaften als eine weitere Möglichkeit erfunden, Phänomene der Natur zu erklären – eine Entwicklung, die für unsere Gesellschaft grundlegend ist.

Griechische Geschichte / Philosophie vs. unser heutiges Alltagsleben?
In unserer heutigen multikulturellen Welt ist ein respektvolles Miteinander, ein Verstehen des Gegenübers, grundlegend. Gesellschaft kann nur funktionieren, wenn es einen Konsens darüber gibt, was recht und unrecht ist, wenn wir uns bewusst sind, wo unsere eigenen Grenzen sind und die des Anderen beginnen. Auch stellen wir immer wieder fest, dass man Menschen nur verstehen kann, wenn man auch ihren kulturellen Hintergrund versteht. Für die Politik und die dort notwendigen Entscheidungen ist dies von grundlegender Bedeutung. Philosophen wie Platon und Sokrates und Geschichtsschreiber wie Herodot haben sich mit diesen Themen sehr intensiv beschäftigt, und auch die oben genannten Tragödien bieten eine ganze Menge Diskussionsstoff dazu. Grund genug, diese genauer unter die Lupe zu nehmen und diese Erkenntnis in uns selbst wachsen zu lassen.

Ausblick
Wer Griechisch lernt, darf sich auch auf Themen wie die Entstehung des Theaters mit seinen Tragödien und Komödien freuen, lernt eine Menge über griechische Tempel und das Orakel in Delphi, über Koloniegründungen und Entdeckerreisen, über griechische Geschichte und schräge, aber bedeutungsvolle Persönlichkeiten und vieles mehr. Und das Griechische hat auch einige sprachliche Überraschungen parat. Denn obwohl wir wissen, dass viele medizinische und technische Begriffe aus dem Griechischen kommen, denkt sicher niemand daran, dass Alltagswörter wie Auto, Arzt, Ball, Chaos, Energie, Gyros, Kino, Idee usw. letztlich griechische Wörter sind.

Wer also Lust hat, eine neue Sprache zu erlernen und ein wenig Grammatik- und Vokabelarbeit nicht scheut, wer gerne „hinter die Kulissen schaut“, gerne die Welt und die Menschen hinterfragt, wer Interesse an Mythologie und ihrer Bedeutung für uns hat, wer schon immer in grundlegende Fragen menschlichen Lebens und miteinander eintauchen wollte, ist hier sicher richtig und natürlich herzlich willkommen. Völlig unabhängig, ob man schon Latein lernt oder nicht: das Griechische bietet für alle Neues und Spannendes. Lateinkenntnisse sind demnach NICHT erforderlich, und wenn wir uns über die Texte unterhalten und diskutieren, tun wir das natürlich auf Deutsch.