Leben retten ist so einfach: „Schüler retten Leben“ im Rahmen der „Woche der Wiederbelebung“ an Tilemannschule


Impressionen von der „Woche der Wiederbelebung“ an der Tilemannschule. Anästhesie-Chefarzt PD Dr. Michael Fries und Horst Weigel vom DRK-Kreisverband Limburg-Weilburg demonstrierten Schülern der Jahrgangsstufen sieben und acht, wie man einen Herzstillstand erkennt, was zu tun ist und wie einfach es ist, ein Leben zu retten.

 „Wenn jemand bewusstlos am Boden liegt, muss man helfen.“ Das war die Message, die Privatdozent Dr. Michael Fries, Chefarzt für Anästhesie und operative Intensivmedizin am St. Vincenz-Krankenhaus Limburg, den Siebt- und Achtklässlern der Tilemannschule vermittelte. „Nichts tun, geht gar nicht. Denn das ist tatsächlich das Einzige, was man falsch machen kann.“
Im Rahmen der „Woche der Wiederbelebung“, einer Aktion der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin, ermutigte der Mediziner die Schüler, im Ernstfall Initiative zu zeigen und zu helfen. „Unser Ziel ist es, flächendeckend in allen Schulen der Stadt die Schüler der siebten Jahrgangsstufen über Reanimation und die wirklich hohen Überlebenschancen der Betroffenen aufzuklären“, so Dr. Michael Fries. „Denn: Es kann jeden treffen – und es ist wirklich einfach Leben zu retten.“
Regine Eiser-Müller begrüßte den Mediziner aus dem benachbarten Krankenhaus. Auch sie wies darauf hin, wie wichtig es ist, für den Notfall gewappnet zu sein: zu wissen, was zu tun ist und die Handgriffe möglichst auch praktisch schon einmal geübt zu haben. 
Herzstillstand kann jeden treffen – jederzeit, nicht nur Ältere, sondern auch junge Menschen, erklärte Fries einführend. Und jeder kann in die Situation geraten helfen zu müssen. Jedem kann es passieren, dass er dabei ist, wenn neben ihm ein Passant, ein Angehöriger oder auch ein Lehrer zusammenbricht – auch Schülern.
Und so geht es: Bewusstsein und Atmung prüfen, Notruf absetzen, reanimieren – oder vereinfacht: prüfen, rufen, drücken! Der Notarzt trifft im Normalfall erst in zehn bis 15 Minuten ein. Von dem Moment an, in dem der Betroffene am Boden liegt, sterben nach und nach Gehirnzellen ab. Wenn sich jetzt niemand ein Herz fasst und eine Herzdruckmassage ausführt, verstirbt der Betroffene mit hoher Wahrscheinlichkeit. „Aber die Laienreanimation erhöht die Überlebenschancen des Betroffenen um das Zwei- bis Dreifache“, so der Anästhesist.
Mit großem Interesse verfolgten die Schüler die Ausführungen des Chefarztes, der eindringlich an die Schüler appellierte, im Ernstfall zu handeln. „Denn das Einzige, was man falsch machen kann, ist nichts zu tun!“, so Fries. „Wenn jemand bewusstlos zusammenbricht, auf Ansprache nicht reagiert und nicht atmet, liegt ein Herzstillstand vor.“ Von da an zähle jede Sekunde. Ist man allein, ruft man erst die 112 an, ansonsten beauftragt man einen anderen, einen Notruf abzusetzen. Anschließend macht man den Brustkorb frei, verschränkt die Finger, setzt die beiden Hände übereinander in der Mitte des Brustkorbs und drückt fest mit gestreckten Armen einhundert Mal pro Minute - entsprechend dem Rhythmus von „Staying alive“, dem bekannten Song von den Bee Gees - fünf bis sechs Zentimeter tief. Beherztes, festes Drücken erhöht die Überlebenschance. „Selbst wenn ein paar Rippen brechen – daran stirbt man nicht. Am Herzstillstand dagegen schon“, so der Mediziner.
Eine Mund-zu-Mund-Beatmung sei in aller Regel nicht nötig. Viele Menschen hätten sich aus hygienischen Bedenken gescheut, zu beatmen, selbst Profis sei dies mitunter schwergefallen. Es habe sich gezeigt: Wenn die Mund-zu-Mund-Beatmung nicht sachgerecht ausgeführt werde, gehe wertvolle Zeit verloren, die zur Herzdruckmassage und damit zur Wiederherstellung des Blutkreislaufs hätte verwendet werden können. Und dies bringe am Ende wesentlich mehr.
Ein Herzstillstand muss an sich keine todbringende Erkrankung sein – wenn reanimiert wird. Allerdings werden in Deutschland nur in 17 Prozent der Fälle überhaupt Reanimationsversuche durch Laien unternommen. Im Gegensatz dazu versuchten in den Niederlanden oder den skandinavischen Ländern 75 Prozent (!!!) Betroffene zu reanimieren. Insofern überlebten dort auch viel mehr Menschen einen Herzstillstand als hierzulande. Auch Dr. Michael Fries berichtete vom tragischen Ende eines Notfalls, den er selbst während eines Einsatzes in einem Restaurant erlebt hatte. Bis er eingetroffen war, hatte eine Frau die Betroffene neben sich auf dem Stuhl festgehalten. Dabei sei sie längst tot gewesen. Die anderen Restaurantbesucher hätten den Vorfall bis dahin einfach ignoriert. „Aus diesem Grund ist die Aufklärung und Schulung von Laien so wichtig“, sagte Fries. „Es gibt in der Medizin nur wenige Situationen, in der die Überlebenschance so effektiv erhöht werden kann, nämlich um das Zwei- bis Dreifache.“


Im praktischen Teil des zweistündigen Kurses konnten die Schüler unter Anleitung von Dr. Michael Fries und Horst Weigel vom DRK-Kreisverband Limburg-Weilburg an Reanimationspuppen selbst ausprobieren, wie fest man drücken sollte, um eine erfolgreiche Reanimation durchzuführen. Auch Bernhard Sthamer, Leiter des Schulsanitätsdienstes an der Tilemannschule, sowie Schüler des Schulsanitätsdienstes, gaben Tipps im Übungsteil und zeigten, wie man effektiv reanimieren kann. Dabei gaben sie fachkundig Auskünfte zur Notfallmedizin und gingen auf die Fragen der Schüler ein. Die 40 Reanimations-Puppen, die für diese Aktion benötigt wurden, konnten dank der Hilfe der Stiftung St. Vincenz-Hospital und des Rotary Clubs Limburg angeschafft werden. Sie sollen auch künftig bei Aktionen der Klinik zum Einsatz kommen.
Nach Angaben des Berufsverbandes Deutscher Anästhesisten sterben jährlich in Deutschland 5.000 Menschen, weil Anwesende nicht helfen. Das soll sich ändern! Unter der Schirmherrschaft des Bundesministeriums für Gesundheit wurde daher die „Woche der Wiederbelebung 2016“ durchgeführt. Ärzte und Fachkräfte initiierten zahlreiche Aktionen in Kliniken, öffentlichen Gebäuden und Plätzen, um so noch mehr Menschen zu ermutigen, im Ernstfall Leben zu retten. Der Name des Mottos war dabei Programm: „Ein Leben retten. 100 Pro Reanimation!“


Erste Hilfe bei Herzstillstand:
  1. Person ansprechen und schütteln: Wenn keine Reaktion erfolgt, ist sie bewusstlos.
  2. Atmung prüfen
  3. Notruf absetzen: 112
  4. Reanimation bis der Notarzt eintrifft:
     
    Handballen auf die Mitte der Brust legen;
    feste Thoraxkompressionen, Drucktiefe bei 5 bis 6 cm;
    100 bis 120 mal pro Minute entsprechend dem Song „Staying alive“.

Fakt ist: Wer einem am Boden liegenden Menschen nicht hilft, macht sich strafbar.
112 anrufen und Hilfe holen kann jeder!
 


 
Text: G. Stegemann     Fotos: S. Gorski