Shakespeare’s King Lear – Theater AG inszeniert auf höchstem Niveau

William Shakespeare hätte seine Freude an den Theaterabenden vom 28./29. April 2017 in der Tilemannschule gehabt. Die Kostüme - King Lear (Tizian Bach) im schweren grünen Ledermantel, Gloster im grauen Anzug sowie die teuflischen Töchter Regan and Goneril im kleinen Schwarzen – wären ihm wohl etwas fremd vorgekommen. Aber die Leidenschaften, die von den Schauspieler/innen auf der Bühne entfesselt wurden, waren ganz in seinem Sinn inszeniert.

Bereits das 20. Theaterstück hat Thorsten Tobor mit seiner AG inszeniert, diesmal wieder etwas ganz Klassisches. Eltern, die ihr Erbe zu früh an ihre Nachkommen verteilen und dann Dankbarkeit, Fürsorge und Mitgefühl erwarten, sehen sich bitter getäuscht: King Lear (Mitte), alt und müde geworden, finster, knorrig und ruppig dargestellt von Tizian Bach, teilt sein Reich auf. Verschlagen schmeichelnd, sichern sich Goneril und Regan ihren Anteil. Es fällt ihnen leicht, auswendig gelernte Floskeln der Zuneigung zu äußern. Auch die Schwiegersöhne Cornwall, Jonas Schottorf im Biker-Lederlook (links) gefährlich lauernd, und Albany, sympathisch zurückhaltend von Jakob Baier (3. von rechts) verkörpert, scheinen mitzuspielen. Einzig Cordelia ist aufrichtig und ehrlich, mit dem Ergebnis, dass sie einzig die Aufrichtigkeit als Mitgift erhält und Lear verlassen muss.

Lear ist nun auf die Pflege seiner Töchter angewiesen, ein König ohne Land und Macht. Goneril (Jessica Buchholz) lässt ihn das spüren, entlässt sein Gefolge, bis nur noch die weise Närrin (Lyly Hoang, Mitte) und ein seltsamer Diener namens Kent (Josy Koch, links) an seiner Seite sind.
Shakespeare liebt es, Männer und Frauen in vertauschten Rollen, in Verkleidung auftreten zu lassen: So ist unser Kent die zuvor ungeliebte Mahnerin, die Gerechtigkeit für Cordelia von Lear gefordert hat, aber als Frau nicht gehört wurde. Als Mann verkleidet, bleibt sie an seiner Seite und lenkt die Geschicke. Josy Koch fasziniert, wenn sie die Stimme verdunkelt und ihre Gestik verwandelt, um als Mann zu gelten, und dem armen Diener Oswald eine flammende Schimpf- und Fluchtirade entgegen schleudert.

Regan lässt Lear gar nicht erst an ihren Hof kommen, schon vorher beschließt sie, dass sie das Problem anders lösen will. Sie findet einen Verbündeten, Edmund, Glosters unehelichen Sohn, wie Richard III vom Schicksal benachteiligt und willens, dieses skrupellos mit Gewalt zu ändern, ein typischer Shakespeare-Bösewicht. Verschlagen flirtet Jakob Deckers (rechts) mal mit Goneril, mal mit Regan, die sich in Eifersucht zerfleischen. Er hat seine eigenen Pläne weit vorangetrieben: Seinen Bruder, den freundlichen, ehrlichen Edgar (Jeremias Oster, links) hat er beim Vater mit Tricks und Intrigen in Misskredit gebracht.

Oster (rechts) flüchtet sich in die Identität eines Bettlers, so wird er unsichtbar für den zürnenden Vater. Mutig stellt sich Jeremias der Rolle des verzweifelten Sohns. Sein Vater, der treue Gloster, ein großer Auftritt von David Conrad (links), dem von der mörderischen Regan die Augen herausgerissen werden, will sich das Leben nehmen. Doch der vermeintliche Bettler bewahrt ihn davor.

Es war etwas von der unbändigen Lust zu spüren, sich in fremde Charaktere zu verwandeln, wie Max Reinhardt sagt, vor allem, wenn Warisa Ramcilovics Regan (Mitte) teuflisch verführerisch, drohend die Menschen um sich zu manipulieren versucht. Bösartig herablassend steht ihr Jessica Buchholz als Goneril (links) in nichts nach. Da scheint es ganz passend zu sein, dass sich die beiden am Ende gegenseitig vergiften und dramatisch sterben. Aber auch in den Nebenrollen finden sich spielfreudige Darsteller: Nick Finger (2. von links) als trotteliger Diener Oswald ist ein gelungener Vertreter des comic relief, er bringt sein Publikum zum Lachen, wenn die Handlung zu dramatisch wird.

Auch wenn gegen Ende die verbannte Cordelia, in ihrem Debüt überzeugend Sara Tollmann, zur Rettung eilt, die Tragödie duldet kein Happy End: Cordelia verliert ihr Leben, Lear wird wahnsinnig, daran kann auch die Zauberin (Zoé Ahlbach, 3. von rechts) nichts ändern. Doch Albany, Jakob Baier mit einem eindrucksvollen Schlussauftritt (Podest), sorgt mit Edgar wenigstens dafür, dass die Intriganten auch nicht siegen!